Karl-Marx-Seminar 2016

 

Ich, Felder. Dichter und Rebell PDF Drucken E-Mail
Anlässlich des 175. Geburtstages von Franz Michael Felder betrachtet Bruno Pegrowitsch das Leben und Werk des Vorarlberger Autors, der seiner Zeit meilenweit voraus war.

 Es gibt Persönlichkeiten, die außerhalb der Länder in denen sie gewirkt haben kaum bekannt sind, dafür dort aber ein umso höheres Ansehen genießen. Eine davon ist Franz Michael Felder, Bauer, Schriftsteller und „Politiker“, dessen Geburt sich dieses Jahr zum 175. Male jährt. Als einer der „legendären Vorarlberger“ ehrte ihn das Vorarlberg Museum mit einer eigenen Ausstellung und Veranstaltungsreihe. Es gibt auch einen Franz Michael Felder Verein mit eigenen Publikationen, sowie ein eigenes Museum, das in seinem Geburtshaus eingerichtet wurde. Sogar ein eigener Käse wurde nach ihm benannt. Doch dieser späte Ruhm soll nicht darüber hinwegtäuschen, dass Felder zu seinen Lebzeiten von der herrschenden Elite im „Ländle“ heftig angefeindet wurde. Erst nach und nach wurde von verschiedenen Seiten versucht, den Autor als „Landesdichter“ für sich zu vereinnahmen, was jedoch angesichts der facettenreichen Persönlichkeit des Dichters nicht so recht gelingen wollte. Doch wer war dieser Mann, der so schlecht in die Konventionen der damaligen Gesellschaft passte?

„Geliebt wurde ich
von wenigen ...“

Franz Michael Felders ereignisreiches Leben währte nur kurz: Im März 1839 in Schoppernau im Bregenzerwald geboren, verstarb er 1869 knapp einem Monat vor seinem 30. Geburtstag. Dazwischen liegt ein Leben das zwar in bäuerlicher Armut und Arbeit beginnt, in dem es ihm aber gelingt sich empor zu arbeiten, trotz aller Widerstände und Schicksalsschläge. Und davon gibt es nicht wenige: Nachdem ein betrunkener Arzt eine Augenoperation verpfuschte, ist Felder auf einem Auge blind. Seine Familie besteht aus Bauern, sein Vater verdient sich nebenbei als Wagner etwas dazu. Dieser schickt ihn ein Jahr später als üblich in die öffentliche Schule, in der katholische Geistliche aufmerksam darüber wachen was die lieben Schäfchen so lernen und vor allem, was sie lesen. Dem Lesen wird (anfangs) im bäuerlichen Milieu nicht viel Bedeutung zugesprochen, dennoch gelingt es dem jungen Felder seiner Leseleidenschaft zu frönen. Er bringt sogar eine eigene Schulzeitung heraus.

Als Franz Michael Felder 10 Jahre alt ist, stirbt sein Vater. Trotz des immensen Verlustes den dies für die Familie darstellt, gelingt es Felder (der nun Bauer wird) nach und nach aus dem Schatten des Kirchturmes herauszutreten. Er abonniert Zeitungen, wird als Redner weithin bekannt .1862 beginnt er mit der Arbeit an seiner Dorfgeschichte „Nümmamüllers und das Schwarzokaspale“, weitere wichtige Werke sind die später erschienen Romane „Sonderlinge“, „Reich und Arm“ sowie seine kurz vor seinem Tod fertig gestellte Autobiographie „Aus meinem Leben“. Typisch für seine Werke ist die Schilderung der Handlung aus der Sicht der einfachen Menschen aus dem Dorfe, deren Vorstellung wie Beweggründe geschildert werden, womit es Felder gelingt ein kritisches Bild der damaligen Lebensumstände zu zeichnen.

Seit dem Erscheinen seines Erstlingswerk sah sich der schreibende Bauer einer Reihe von Anfeindungen ausgesetzt. Der Ausbruch aus den Konventionen einer durch und durch vom katholischen Glauben durchtränkten Gesellschaft wurde als Provokation gesehen.

„… aber von vielen
gehört und gefürchtet.“

Der Grund für die zunehmende Verschärfung des Verhältnisses zu den damaligen herrschenden Kräften im Land lag auch in der politischen Betätigung Felders. Unter dem Einfluss Ferdinand Lassalles und der aufkommenden Genossenschaftsbewegung setzt er sich für ein allgemeines Wahlrecht, Volksbildung und die Schaffung von Genossenschaften mit staatlicher Hilfe ein. Und das mit einer Energie die ihres gleichen sucht: Innerhalb kürzester Zeit gründet er einen Handwerkerverein, eine Leihbibliothek, eine Versicherung fürs liebe Vieh, und einen Käsehandlungsverein, wobei letzter eine Kampfansage an die damals regional mächtige Gruppe der „Käsgrafen“ darstellt. Diese waren Quasi-Monopolisten, die über den Milchpreis und Vergabe von Krediten den Handel mit dem Haupterzeugnis des Bregenzer Waldes, dem Käse, kontrollierten. 1866 versuchten sein Schwager und er eine „Vorarlbergischen Partei der Gleichberechtigung“, die als eine der ersten Parteien in der ehemaligen K&K Monarchie gilt und sich der Besserung der Lage der arbeitenden Bevölkerung verschriebt, zu gründen. Damit macht er sich die beiden miteinander konkurrierenden Gruppierungen in Vorarlberg zum Feind: die Liberalen, von Unternehmern dominiert waren und die Katholiken, die mit dererlei aufklärerischen Umtrieben nichts anfangen konnten. Mit Felders politischen Organisationsversuchen potenzierte sich die Polemik gegen ihn. So wird er als „Rot Republikaner“ und „Freimaurer“ verschrien, der örtliche Klerus wettert gegen ihn und seine „Hurenbücher“. 1867 musste er sogar mit seiner Frau Anna Katherina aus Schoppernau nach Bludenz flüchten. Bei den Wahlen des Gemeindeausschusses im Oktober gewann zwar die „Felderpartei“, jedoch würde das von den Klerikalen angefochten und es kam bei den Wahlgängen zu tumultartigen Szenen. Der Plan für eine Partei der Gleichberechtigung für Vorarlberg scheiterte ein Jahr später endgültig. Tief getroffen vom Tod seiner Frau im August 1868, stirbt Felder ein knappes Jahr später.

Felders Ideen der politischen Organisation waren seiner Zeit und den sozialen Umständen um einiges voraus. Dies gilt insbesondere für Vorarlberg und den Bregenzerwald, die erst am Anfang einer Industrialisierung standen und noch fest in der Hand katholischer, konservativer Kräfte waren. Gewiss haben sich die Mächtigen im Land vor dem Arlberg gewandelt: Die katholische Kirche und ihr politischer Arm haben massiv an Einfluss eingebüßt, Käsgrafen wie Textilunternehmer sind längst von der Bildfläche verschwunden. Dennoch ist es hier in Vorarlberg mehr denn je nötig, gegen Ausbeutung und die Interessen der herrschenden Klasse vorzugehen, und das mit einer alle Lebensbereiche umfassenden Organisation, einer Partei von und für die ArbeiterInnen Vorarlbergs, die sich nicht nur als zwergenhafter Wurmfortsatz herrschender konservativer Politik begreift.